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„Ich wurde zum Terroristen erklärt“

Sami kommt aus der Türkei und ist ein Experte in den Bereichen Klimawandel und Nachhaltigkeit. Als er die Klimapolitik seines Heimatlandes kritisiert, muss er vor der Regierung Erdoğans fliehen. In diesem Interview erzählt er seine Geschichte.

Sami Celticoglu in Berlin
Fotograf: Privat

Sami Celtikoglu ist 38 Jahre alt, in der Türkei geboren und aufgewachsen. Seit vier Jahren lebt er in Deutschland. ,,Ich bin jetzt ein Berliner“, sagt er im Gespräch mit kohero. Sami ist ein Experte in den Bereichen Agrarwissenschaften, Entomologie-Ökotoxikologie und Sozialwissenschaften. Im Master-Studium waren seine Schwerpunkte dabei Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft sowie ländliche Entwicklung und Überwindung von Armut. Seit Januar 2021 macht er einen Bundesfreiwilligendienst am Unabhängigen Institut für Umweltfragen im Fachgebiet Klimaschutz & Transformative Bildung. Außerdem ist er ein KlimaGesicht.

Mehr über Sami erfahrt ihr in der neusten Folge vom Mulitvitamin-Podcast zur Klimaflucht.

Herzlich willkommen! Danke, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Du bist seit einem Jahr ein Teil des Projektes KlimaGesichter, über das wir in der Redaktion bereits berichtet haben (Das Interview mit KlimaGesichter-Referent Tsiry findet ihr hier). Wie bist du denn überhaupt dazu gekommen?

Sami: Das KlimaGesichter-Projekt ist wirklich der Punkt, an dem sich mein Leben verändert hat. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Thema Klima für mich komplett gestrichen. Nach dem Verlassen der Türkei hatte ich nicht die Absicht, mich mit diesem Thema zu befassen. Mein einziges Ziel war es, eine Taxi-Lizenz zu bekommen und mir ein gutes Leben in Berlin zu machen. Aber dann habe ich das KlimaGesichter-Projekt zufällig im Internet gefunden. Doch an Zufall glaube ich eigentlich nicht. Ich denke, dass es ein heiliges Geschenk für mich ist. Ich habe die Website also mit Google Translate übersetzt und dem Team in Berlin eine E-Mail geschrieben. Letztes Jahr im August habe ich dann den ersten Workshop besucht. Hier habe ich großartige Leute kennengelernt. Für mich sind die Menschen bei den KlimaGesichtern wie eine neue Familie.

Was genau machst du bei den KlimaGesichtern? Gibst du auch selbst Workshops oder hast du an Veranstaltungen teilgenommen?

Sami: Ich habe viel an Workshops teilgenommen und über den Klimaschutz gelernt. Ich habe aber auch eigene Workshops an Schulen gegeben. Bei der „Schüler-Uni“ an der Freien Universität habe ich mit den Schüler*innen darüber geredet, wie man sich nachhaltiger ernähren kann, woher unsere Ernährung überhaupt kommt, die wir jeden Tag essen. Auf meine Frage, was die Kinder morgens gegessen haben, gab es natürlich verschiedene Antworten. Am Beispiel Obst konnte ich ihnen zeigen, welche Entscheidungen bei der Ernährung klimafreundlicher sind – ob die Früchte aus Brasilien kommen, aus England oder aus Deutschland. Betrachtet man die Ernährungsweise der fast acht Milliarden Menschen in der Welt, kommen unfassbare Transportwege zusammen und dadurch ein enormer CO2-Ausstoß. Ich konnte den Schüler*innen erklären, dass jedes Lebensmittel eine lange Reise vom Feld bis zum Teller hinter sich hat. Viele waren schockiert und wollten ihre Ernährungsweise klimafreundlicher gestalten. Das gibt mir Motivation und Hoffnung.

Woher kommt das Interesse für die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit?

Sami: Das kommt von meinem Studium. Ich bin Agraringenieur und Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft waren ein Teil meines Studiums und dadurch auch der Klimawandel. Ich habe viel über die Auswirkungen gelernt. Seit zwölf Jahren schreibe ich auch Artikel für verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften zu Landwirtschaft und Klimawandel.

 

,,Ich musste meine Heimat verlassen, weil ich nicht mehr sicher war. Mein Leben war bedroht.“

 

Du bist ja dann aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Darf ich fragen, wie genau es dazu gekommen ist, also warum du die Türkei verlassen hast?

Sami: Für mich der wichtigste Umbruch in der Entwicklung der türkischen Regierung von der Demokratie zur Autokratie war der Widerstand im Gezi-Park im Jahr 2016. Dabei ging es um den Bau einer osmanischen Kaserne auf einer der letzten Grünflächen-Anlage der Istanbuler Innenstadt. Um diese Grünfläche zu schützen, kam es zu einem großen Aufstand bzw. einer Rebellion. Ab 2013 wurden Dissidenten aus allen Gesellschaftsschichten von der Regierung Erdoğans unter verschiedenen Vorwänden bestraft. Besonders im Juli 2013 nahm die Schwere dieser Repressionen zu und erreichte ein neues Ausmaß: willkürliche Verhaftungen, Folter und weitere undemokratische und unmenschliche Praktiken. Das ist auch noch immer so.

Meiner Meinung nach war dieser von Erdoğan selbst stammende Putsch ein Versuch, die Demokratie in der Türkei nun komplett abzuschaffen. Die Umsetzung eines Ein-Mann-Regimes, man kann von einer Diktatur sprechen, begann daraufhin. Alle Dissidenten wurden über Nacht zu Terroristen erklärt und ich bin einer von ihnen. Ich wurde zum Terroristen erklärt, weil ich die Politik der Regierung in Bezug auf ihr nicht-nachhaltiges Handeln in der Umweltpolitik kritisiert habe. Weil ich nicht mehr sicher war, musste ich meine Heimat verlassen. Mein Leben war bedroht. Damit bin ich nicht allein: Die Zahl der türkischen Akademiker*innen in europäischen Hauptstädten ist mittlerweile fast so hoch wie in Istanbul. Es gibt so viele türkische Journalist*innen im Exil, dass man ganze Medienhäuser mit ihnen gründen könnte. Menschen von strategischer Bedeutung für das Land suchen ihre Zukunft nun im Ausland. Das ist nicht leicht, aber letztendlich steht Sicherheit an erster Stelle.

Du hast die Klimapolitik der türkischen Regierung kritisiert. Welche Auswirkungen hat denn der Klimawandel in der Türkei und wie geht man dort damit um? Wie ist das Bewusstsein für Klimaschutz in deinem Heimatland?

Sami: Momentan gibt es in der Türkei 55 Kohlekraftwerke. Drei davon sind relativ neu. Das ist natürlich schlecht. Außerdem gibt es auch in der Türkei, wie gerade jetzt in Deutschland, starke Wetterextreme wie Überschwemmungen und Dürren. Obwohl die Türkei ein Agrarland ist und die Auswirkungen des Klimawandels in diesem Kontext von großer Bedeutung sind, gehört das Thema nicht zu den Prioritäten. In den Medien wird das Thema auch nicht so groß verbreitet, weil viele Medienhäuser erdoğanistisch denken. Trotzdem versuchen viele Aktivist*innen ihr Bestes, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, müssen dabei aber wegen der Regierung aufpassen.

 

,,Frieden ist Glück, ist Freiheit.“

 

Der Klimawandel bringt große Probleme mit sich oder verschärft Probleme. Wie bewertest du es, dass der Klimawandel nicht offiziell als Flucht- oder Asylgrund anerkannt ist?

Sami: Ich bin ein Aktivist, der sich für die weitere Entwicklung und Nachhaltigkeit der Gesellschaft einsetzt. Ich möchte Verantwortung übernehmen. Als Mensch mit Migrationshintergrund möchte ich einen Beitrag leisten, in dem ich über einen anderen Aspekt des Klimawandels spreche, der den Frieden bedroht und die Freiheit der Menschen einschränkt. Ich denke, Frieden ist Glück, ist Freiheit. Aber Freiheit bedeutet nicht, dass ein Mensch tun kann, was er will, sondern dass er nichts tun muss, was er nicht will. In Regionen, die durch Krisen bereits erschüttert sind, intensiviert der Klimawandel die Konflikte. Die Menschen fliehen vor Kriegen, vor dem Druck tyrannischer Regierungen, vor Hunger und Durst, vor Wetterextremen, die ihnen ihre Einkommensquelle und Lebensräume zerstören. Genau das ist doch Migration. Zu bestimmen, wie hoch der Anteil an Personen ist, die aufgrund des Klimas fliehen müssen, ist schwer zu kalkulieren. Als Geflüchteter fordere ich den Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen auf, Menschen, die in vom Klimawandel betroffenen Regionen leben, Asyl zu gewähren. Diese Menschen müssen Rechte und Schutz bekommen.

Danke, dass du das so ausführlich auch ausgeführt hast. Du forderst eindeutig, dass Klimageflüchteten Asyl gewährt wird. Hast du Wünsche oder Forderungen an die Politik oder Medien hier in Deutschland, wie sie sich mit der Problematik Klimagerechtigkeit auseinandersetzen sollten?

Sami: Wir alle haben unterschiedliche Überzeugungen und Vorstellungen, die uns einander näherbringen oder voneinander entfernen können. In Bezug auf den Klimawandel müssten wir gemeinsame Werte über die Ländergrenzen hinaus schaffen.

Natalia ist in den Bereichen (Mode-)Journalismus und Medienkommunikation ausgebildet und studiert derzeit Kommunikation und Management. Besonders gerne schreibt sie über (und mit!) Menschen, erzählt deren Lebensgeschichten und kommentiert gesellschaftliche Themen. Seit einigen Monaten leitet sie Redaktion von kohero. „Ich arbeite bei kohero, weil ich es wichtig finde, dass die Geschichten von Geflüchteten erzählt werden – für mehr Toleranz und ein Miteinander auf Augenhöhe.“  
Sarah Zaheer
Sarah leitet bei kohero den Podcast „Multivitamin“. Sie kommt aus Berlin, lebt aber schon seit einigen Jahren in Hamburg und studiert hier Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Nebenbei podcastet sie auch mit ihrer Schwester bei „curry on!“ und arbeitet als freie Journalistin für die taz Nord. „Ich finde es sehr wichtig, dass beim kohero Magazin Menschen zu Wort kommen, die in der Medienlandschaft sonst leider strukturell unterrepräsentiert sind. Ich möchte dazu beizutragen, diese Perspektiven sichtbar zu machen!“
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