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Fluchtgeschichte: welche Rolle spielt sie bei der Bürgermeisterwahl?

Der 29-Jährige Ryyan Alshebl wird im schwäbischen Ostelsheim zum Bürgermeister gewählt. Eine positive Nachricht, die auch zum Nachdenken anregt: Was bedeutet ein Fluchthintergrund in der Politik, besonders in der Lokalpolitik? Chefredakteur Hussam kommentiert.

Fotograf*in: Bianca Ackermann auf unsplash

Eines Morgens diese Woche öffne ich meine Twitter App und gucke, was es in den Nachrichten gibt, oder was  Elon Musk schreibt. Mit halb offenen Augen lese ich, was der Focus tweetet: “Mit 55,41 Prozent der Stimmen gewählt – Geflüchteter Syrer wird Bürgermeister in schwäbischem Dorf„.  Und plötzlich bin ich sehr wach. Ich will sofort wissen: Wer ist dieser neue Bürgermeister? Wann ist er geflüchtet? Welche Partei vertritt er?

Eine Fluchtgeschichte wie viele andere

Hier die Zusammenfassung: Ryyan Alshebl, 29 Jahre alt, kam 2015 als Geflüchteter nach Deutschland. Er kommt ursprünglich aus der südsyrischen Stadt Suwaida und lebt heute in Calw, Baden-Württemberg, wo er auch seine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten absolviert hat. Er ist in einer drusischen Gemeinde aufgewachsen und sagt heute, er praktiziere keine Religion. Am 2. April wurde er als parteiunabhängiger Kandidat mit 55% der Wähler*innenstimmen in dem 2500-Einwohner*innen-Dorf Ostelsheim gewählt. Privat, so schreiben es mehrere Medien, ist er Mitglied der Grünen.

Seine Fluchtgeschichte klingt, wenn sie so allgemein beschrieben wird, wie die vieler anderen Syrer*innen, meiner inklusive. Als er zum Kriegsdienst gehen sollte, flüchtete er über Libanon in die Türkei. Dann per Boot auf die griechische Insel Lesbos und dann über die sogenannte Balkanroute weiter nach Deutschland.

Irgendwie ist es für mich eine positive Nachricht, dass jemand mit einer ähnlichen Geschichte wie meiner nun gewählter Bürgermeister ist. Ich weiß, dass das auch oberflächlich ist. Ich kenne Alshebls genaue Geschichte nicht, ich weiß nicht, wie er als Person ist. Ich weiß auch nicht, welche politischen Einstellungen er hat, ich weiß nicht viel über seinen Wahlkampf.

 Was braucht es für einen Erfolg in der Politik?

Trotzdem freut es mich, dass diese Geschichte so in Deutschland passieren konnte. Ich bin nicht total überrascht, weil ich doch weiß, dass viele Millionen Menschen in den letzten Jahren hier Sicherheit gefunden haben. Viele haben durch das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitmenschen Unterstützung erfahren, viele sind auch deutsche Staatsbürger*innen geworden. So sagte auch Alshebl nach seiner Wahl: “Ostelsheim hat heute ein Zeichen der Toleranz und der Weltoffenheit für ganz Deutschland gesetzt.“

Was mich eher überrascht ist, wie sich ein junger Mann mit Fluchtgeschichte doch sehr schnell in die politische Gesellschaft Deutschlands integrieren und im Prozess der Demokratie gewinnen kann. Weil ich glaube, es ganz einfach, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren im Vergleich zu dem politischen Deutschland. Um erfolgreich in der deutschen Politik zu werden, braucht es viel Zeit, einen langen Atem, oft auch viel Ehrenamt. Und meistens (so habe ich es gehört) auch einen Mentor oder eine Mentorin, die*der an dich glaubt und auch das eigene Netzwerk für dich nutzen möchte.

Mein Eindruck war deswegen, dass es nicht viele Menschen mit eigener Fluchtgeschichte gibt, die diese Dinge zur Verfügung haben. Oder sie brauchen länger als sieben oder acht Jahre. Ich kenne eher Kandidat*innen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte, die die sozialen Medien nutzen wollen, um ihre Reichweite zu vergrößern. Diese Reichweite kann ihnen auch im politischen Kontext helfen – andererseits müssen sie auch die dunklen, gefährlichen Seiten der sozialen Medien aushalten wie Hasskommentare.

Rolle der Flucht im politischen Kontext

Ist es richtig von mir, die Wahl von Ryyan Alshebl in Ostelsheim in diesen Kontext zu setzen? Immerhin sagte Alshebl im Interview mit dem ZDF: “Ich freue mich, dass ich gewonnen habe. Aber die Erkenntnis, dass ich ehemaliger Geflüchteter bin, hat mit meiner Amtsführung nichts zu tun.” Und auf die Frage, ob es ihn nerve, auf die eigene Fluchtgeschichte “reduziert zu werden”, antwortet Alshebl: “Ich verstehe die Debatte. Aber ja, es nervt. Man wird auf seine ursprüngliche Heimat reduziert und das ist kein Anlass zur Freude.”

Hier macht er einen sehr interessanten Punkt. Denn einerseits gebe ich ihm gerne Recht, denn am Ende sollte für eine Bürgermeister*in der Wahl nicht der eigene Hintergrund die große Rolle spielen, sondern die eigenen Ziele, Visionen und vor allem die Arbeit. Und wie ich lese, hat Alshebl eine sehr effektive Wahlkampagne geführt, er ist auf die Wähler*innen zugegangen, hat Tür zu Tür Kontakt aufgenommen.

Aber andererseits: Für mich spielt die eigene Biografie, vor allem wenn sie von Flucht oder Migration beeinflusst wurde, doch eine Rolle im politischen Kontext. Hier wurde Alshebls Geschichte positiv aufgenommen, er selber spricht von positiven Erfahrungen im Wahlkampf. Aber wir alle kennen genug Beispiele, wo die erste Heimat, oder die Heimatländer der Eltern gegen Kandidat*innen genutzt wird. Erinnern wir uns nur an die Kandidatur von Tarek Alaows.

Der Schlüssel liegt im lokalen Engagement

Ich verstehe, das Alshebl in seinem Ort nicht alle Syrer*innen (und sicher nicht alle Geflüchtete) repräsentieren möchte. Er ist nicht alle geflüchteten Syrer*innen in Deutschland, sondern einfach Ryyan Alshebl aus Calw. Gleichzeitig ist er als öffentliche Person auch ein Vorbild und Referenz für viele junge Syrer*innen und Deutsch-Syrer*innen, die ihn beobachten und sehen, dass es im politischen Deutschland auch für sie Möglichkeiten gibt.

Und am Ende zeigt mir diese Geschichte wieder, wie wichtig das Engagement und das Leben auf lokaler Ebene ist. Integration, wenn wir diesen Begriff nutzen wollen, ist ein überregionales und landesweites Thema. Die Schlüssel liegen meiner Meinung nach im lokalen Kontext. Ich bin überzeugt: Es sollten viele junge Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrungen auf der lokalen Ebene aktiv werden und so ihre Umgebungen mitgestalten.

 

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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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